Moskau wird gesund – oder: зож

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Mein Artikel über den neuen Gesundheitstrend in Russland für die Süddeutsche Zeitung:

Dinkel-Zwieback statt Wodka

Bio-Boom und Gesundheitswahn erreichen nun auch Russland

Moskau/München – Zum Beispiel gefriergetrocknete Maquibeeren aus Chile, dritte Regalreihe rechts: glutenfrei, vegan, voll mit Antioxidantien, 100 Gramm für umge- rechnet 13 Euro. Und das nur zehn Kilometer vom Roten Platz entfernt. Undenkbar? Nicht mehr.

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Bei vielen Russen stehen Raw- Food, Lauf-Apps und Smoothie mittlerweile höher im Kurs als Wodka oder Fastfood. Umfragen zufolge hat sich die Zahl derer, die angeben, regelmäßig Sport zu treiben, um 40 Prozent erhöht. Zeitgleich hat sich der Alkoholkonsum im Land um ein Drittel verringert. Angeblich. Und auch die Zahl der Raucher ist zurückgegangen, seitdem in Restaurants Rauchverbot gilt.

Im Grunde spielte die Zeit schon länger für den Bio-Boom: Wegen der im März 2014 von der EU verhängten Sanktionen und eines Importstopps westlicher Waren als Antwort Russlands darauf musste das fast ausschließlich auf Wareneinfuhr gestützte Land fix umdisponieren. Präsident Wladimir Putins Ansage, dass Russland imstande sei, „zum größten Lieferanten gesunder, ökologisch reiner Qualitätslebensmittel zu werden“, wurde belächelt. Denn bislang wurde nur ein Prozent der russischen Äcker für Bio-Anbau genutzt. Industrielle Hersteller setzen weiter auf gefälschten Käse sowie mit Kalk oder Seife versetzte Milch. Und darauf, dass ahnungslose Kunden das Zeug weiter kaufen.

Aber einige rührige Einzelkämpfer haben es geschafft, auf den Bio-Zug aufzu- springen. Im Südwesten Moskaus hat kürzlich der größte Biosupermarkt der Stadt eröffnet, „Gorod Sad“ – „Stadtgarten“. Auf 400 Quadratmetern gibt es von Dinkel- Zwieback bis Topinambur-Vanille-Sirup alles, was gesund und glücklich machen soll. Jagannath, eine andere Bioladen-mit-Bistro-Kette, wächst stetig. „Pro Tag bekommen wir drei Franchise-Anfragen aus verschiedenen Städten“, sagte Sprecherin Rasa Neapolitanskaja kürzlich. Die Öko-Kooperative Lavka-Lavka beliefert Haushalte mit Produkten von Bauern aus dem Moskauer Umland, betreibt mittlerweile fünf Läden und Cafés und gibt ein eigenes Magazin heraus. Sie verknüpft die Zurück- zum-Erzeuger-Botschaft clever mit ein paar patriotischen Einsprengseln – etwas, was zurzeit ziemlich gut ankommt.

Irina Asarowa, Chefin des vegetarischen Restaurants Fresh hat mittlerweile die dritte Filiale an Hip-Spots der Hauptstadt eröffnet. Von Vormittag an sind die Läden voll. Auch der Lieferservice läuft. Per Mausklick bestellen die Kunden Miso- Burger, das Office-Lunch (Saft, Suppe, Sandwich) oder den täglichen Eat-your- green-Salat. Geliefert wird wegen der vielen Staus in der Stadt auch mal per Fahrrad oder Metro. Asarowa, der man zahlreiche Investitionen in plastische Chirurgie ansieht, hat eine einfache Losung für ihr Geschäftsmodell: „Gesund ist das neue Sexy.“ Es funktioniert.

Die Folgen kann man an Wochenenden in Moskauer Parks beobachten. Dort machen sich Fußgänger, Jogger, Radler, Longboarder, Inline-Skater, Hooverboard-Fahrer und Kinder auf diversen Fahrgeräten den Platz bald gegenseitig streitig. „Den Park Kultury oder den Sokolniki Park im Norden würde ich meiden“, sagt daher Svetlana Maximchenko, stellvertretende Direk- torin aller Moskauer Parks. Stolz zählt sie auf: Die 40 Grünflächen der Hauptstadt bieten über die gesamte Woche verteilt insgesamt 200 Sportkurse an – von „Fitness mit Olympiasiegern“ über Nordic Walking bis Chi-Gong für Senioren. Outdoor-Yoga wird allein in 27 Parks praktiziert. Unterstützt werden viele Angebote von westlichen Sportartikelkonzernen, aber so ist alles kostenlos für die neuen urbanen Ge- sundheitsjünger. Und danach gibt es noch einen Gemüsesaft vom Foodtruck im Park. Cooles Moskau. Bald kommt sicher Urban Gardening.
(erschienen am 25.07.2016)

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Die Untätigen II

Wann ist der Widerstand gegen das Tun größer als die Bereitschaft?
Wann füllen wir das Tun aus?
Müssen wir dem Tun Sinn verleihen?
Gibt es also keine sinnlose Tätigkeit?
Ist im Notfall Geld der Sinn?
Warum dann Untätigkeit?

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Ich beobachte eine Straßen-Kreuzung.

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Ich bewache zehn Stapel aus Büchern, alten Zeitschriften, Schallplatten.

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Quengelwarenbewacher.

Es lebe der…

Er ist pünktlich da, jeden Morgen um zwanzig nach sechs. Seinen schwarzen Trainingsanzug mit den weißen Streifen wäscht er offenbar nie –oder er hat mehrere davon. Er nähert sich dem Sportplatz hinter unserem Haus wie ein Versehrter aus dem Donbass: humpelnd, gebeugt, sein rechtes Bein zieht er hinterher, eine Schulter hängt stärker Richtung Boden als die andere. Jeden Morgen überquert den Platz einmal bis zu den Bänken, legt dort seine Sachen ab, hinkt zu einer Ecke. Dann rennt er, als gäbe es keinen Schmerz, kein Hinken und kein Morgen. Immer die Diagonale. Nie die Tartan-Runde, nie die Geraden. Als könne sich sein Körper nur auf dieser Strecke verwandeln – zurück oder in etwas Neues.
Das macht er etwa eine halbe Stunde, dann schlurft er zurück zur Bank, holt seine Sachen und geht. Wohin auch immer.  Weiterlesen „Es lebe der…“

Eselsbrücken

Wenn man im Theater nicht viel mehr versteht außer einzelnen Satzfetzen und Wörtern.
Und wie man sie sich anschließend mithilfe einer großartigen Aufführung viel besser merken kann.
#машинамюллер #гоголъцентр

 

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улыбаться – lächeln

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Masse der Meister von morgen

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Foto: Katrin Scheib

Allein diese Woche: Morgen Abend eine Skype-Lecture zum Thema „Exploring Instagram“, übermorgen zum Thema „Depression und Rezession„.
Das Jüdische Museum bietet ab Ende März einen zwölfteiligen Kurs zu Kasimir Malevich und seinen Einfluss auf die moderne Kunst an.

Was wir Kurs nennen, heißt hier Meisterklasse. Sowas flößt doch Respekt ein!

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