In Russland öffnen sich viele Türen

Reiten in Russland bedeutet erstmal: viel laufen. Bis man auf einem Pferd sitzt.

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Reiten in Moskau bedeutet: Du gehst durch die erste Sicherheitsschleuse am Parkplatz. Sie piept, aber der Wachmann bewegt sich nicht. Du suchst die Eingangstür. Sie ist garantiert nicht da, wo Du sie erwartest. Jemand von drinnen macht mit ausholenden Gesten klar, dass diese Tür geschlossen ist und Du um die Ecke zu einer zweiten Eingangstür gehen sollst. Du gehst durch die zweite Sicherheitsschleuse. Sie piept. Diesmal gehst Du weiter. Es hängen viele Orden und Bilder von Pferden mit Orden und Bilder von Reitern mit Medaillen an den Wänden. Es hängt eine große Tafel mit Verhaltensweisen im Falle eines Terroranschlags an der Wand.


Du gelangst in einen langen Flur. Die Zimmernummern beginnen bei 100. Das erste Zimmer ist die Anmeldung. Darin: ein Schreibtisch, eine Glaswand, dahinter noch ein Schreibtisch und eine Kasse. An der Wand hängt eine sehr lange Preisliste.
Du gehst zum ersten Schreibtisch. Dort liegt ein Din A4 großes Buch, in das die Frau, die dort sitzt, handschriftlich die Uhrzeit Deiner Reitstunde und das dir zugewiesene Pferd einträgt. Oder abhakt. Du machst eine Vierteldrehung und stehst vor Frau II hinter der Glaswand. Du sagst ihr an, welche Reitstunde von der langen Liste Du bekommen wirst, ob Du einen Leihhelm oder -schuhe brauchst. Du bezahlst und bekommst zwei Bons – einen für die Reitlehrerin, einen für den Leihhelm. Du verlässt das Zimmer und gehst den Gang weiter. Im nächsten Zimmer befinden sich die Leih-Utensilien. Die Helme sind nummeriert und hängen an Haken an der Wand. Eine Frau sitzt am Ende des Raumes, manchmal lächelt sie, manchmal redet sie ganz viel, manchmal gar nicht. Aber sie fragt Dich nach Deinem Namen und trägt ihn handschriftlich in ein Din A4-Heft ein. Aber erst, wenn Du ihr den Bon gereicht hast. Sie gibt Dir ein Gaze-Häubchen, das Du unter dem Helm tragen sollst. Mit Häubchen und Helm verlässt Du den Raum. Nun lässt Du ein paar Türen aus – es sind die kargen Trainerräume. Dunkle Einbau-Holzschränke an den Wänden, Holzbänke in der Mitte, Linoleumboden. Auf der rechten Seite befindet sich die Garderobe. Dort sitzt Frau IV, sie ist manchmal freundlich und erzählt zum Beispiel, dass es neuerdings verboten ist, während der Arbeit Radio zu hören. Was sie doof findet. Sie ist manchmal abweisend und drückt Dir wortlos Schlüssel für den Spind in die Hand. Manchmal strickt sie. Manchmal ist sie gar nicht da, und Du weißt nicht, ob Du Dir einfach einen Schlüssel nehmen sollst oder nicht. Du nimmst ihn, aber wirst nach der Stunde angeherrscht, dass Du Dich nicht einfach bedienen darfst. Oder zumindest handschriftlich Deinen Namen in das Din A4 große Heft auf dem kleinen Tisch vor ihr hättest eintragen müssen. Die Spinde stehen alle offen, und alle Schlüssel passen in allen Spinde.
Du ziehst Dich um, gibst Frau IV den Schlüssel, den sie während des Trainings für Dich aufbewahren wird.
Du gehst zu den Pferdeboxen. Das Dir zugeteilte Pferd ist vorbereitet. Die Reitlehrerin wartet auf Dich. Du führst das Pferd durch einen langen Gang in die Reithalle. Ein schweres Eisentor trennt die Halle von den Gängen. Davor sitzt jemand auf einem Plastikstuhl. Er steht auf, wenn Du mit Deinem Pferd kommst und öffnet das Tor. Dann setzt er sich wieder hin. Sobald ein Pferd äpfelt, springt diese Person auf und kehrt den Dreck weg. Dann setzt sie sich wieder hin.
Es gibt eine Reitlehrerin, die sehr missmutig über die Gänge streift. Sie erinnert mich an eine Figur aus dem „Hobbit“. Sie arbeitet sicher schon lange hier. Sie setzt sich jedes Mal in eine Ecke der Reithalle in einen Plastikstuhl und bellt von dort Anweisungen an ihre Schüler. Ich bin froh, dass sie nicht meine Lehrerin ist.

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Meine Lehrerin muss sich immer in meiner Nähe aufhalten, weil ich noch immer große Angst vor Pferden habe. Meine Lehrerin versteht das nicht so richtig. Wenn ich sage, dass das, was ich mit dem Pferd mache, ihm sicher nicht gefällt, fragt sie kurz: „мысль?“, was eine Kurzform von „Что такое мысль?“ ist und so viel heißt wie „Hä?“. Und wenn ich sage, dass ich ganz sicher noch nicht alleine im Trab reiten will, sondern dass ich ausreichend damit zu tun habe, den Rhythmus des Trabes, „шагом“, an der Longe zu finden, denkt sie sich nur noch „мысль?“. Und sagt nichts mehr. Und wenn ich sage, dass ich das Gefühl habe, das Tier mag mich nicht, dann sagt sie: „Не любит работать, бсё.“ Und das bedeutet: „Der Gaul hat keinen Bock auf Arbeit, das ist alles.“

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Nach der Stunde gehst Du alle Türen wieder ab. Du hast einen heiden Muskelkater. Aber dafür kann ja Russland nichts.

http://www.kskbitsa.ru/equestrian/
http://ksk-sozidatel.ru

 

4 Kommentare zu „In Russland öffnen sich viele Türen“

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