Russischer Moment

Russische Momente sind solche, die sich woanders auf der Welt nur schwer reproduzieren lassen.

Wir sitzen am See. Aleshenka heißt er, oder Michurinskiy Prud, er war auf der Karte eingezeichnet, jenseits der Bahnlinie, gar nicht weit entfernt von der Datscha. Bis hierher waren wir noch nicht gekommen.
Um dort hinzugelangen, mussten wir an der einen Seite der Bahnlinie entlanglaufen. Vorbei an einem hohen Zaun, der ein Golfhotel vor möglichen Gästen abschirmt. Vorbei an einem Lädchen. Dann über die Gleise, durch ein ziemlich vermülltes Waldstück, über eine StarWarseske Mondlandschaft, die, so unsere Hoffnung, einmal das Naherholungsgebiet für die Bewohner des Satellitenviertels Novo-Peredelkino werden könnte. Aber wahrscheinlich werden nur einfach noch mehr Hochhäuser dorthin gebaut.

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Ein obligatorischer Zaun im Nichts, um den sich keiner schert. Ein offenes Tor. Menschen mit Plastiktüten in den Händen und Badelatschen an den Füßen suchen nach einem Grillplatz. Drei junge Männer, die ihre Angeln am erstbesten Uferplatz ins Wasser werfen. Eine Familie, die auf ein Foto von Martin Parr gehört.
Wir überlegen, ob diese Menschen zu beneiden sind, weil Ihnen eine Ahnung von Natur, Sonne und Fleisch zum Glücklichsein ausreicht. Oder sind sie zu bedauern, weil sie derartige Un-Orte nicht mit Missachtung strafen? Weil sie die Hässlichkeit der Umgebung auszublenden scheinen – oder hinzunehmen? Machen Orte nicht immer etwas mit einem? Was macht dann so ein Ort mit uns?

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Weiter hinten hat eine zentralasiatische Familie ihr altes Auto am Ufer geparkt. Sie haben die das Autoradio aufgedreht und tanzen.

Dann fliegt ein Fisch durch die Luft. Drei Tadschiken waten durchs Schilf, sie fangen mit den Händen Fische und werfen sie ihren zwei Freunden am Ufer zu. Die Plastiktüte ist schon ziemlich voll. Daraus würden sie Fischsuppe machen, das sei gut für die Augen, sagen die jungen Männer. Sie deuten auf die gegenüberliegenden Neubauten. Ja, das da drüben hätten sie alles gebaut.

Wir laufen zurück. Durch den Wald, wo sich ein Schwertransporter noch vor kurzem den Weg durch den Schlamm geebnet haben muss. Nun stolpern wir durch tiefe, trockene Furchen. Unter einer kleinen Brücke hindurch, über die die Elektritschka Richtung Stadtzentrum donnert. Auf dem Waldweg hat sich ein alter Wollpullover in den Sand eingetreten.

Sind russische Momente schön? Fürchterlich?
Es ist der Tag des Sieges hier in Russland.
Es wird Sommer.
Wir sehen kein einziges Georgsbändchen.

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