Es lebe der…

Er ist pünktlich da, jeden Morgen um zwanzig nach sechs. Seinen schwarzen Trainingsanzug mit den weißen Streifen wäscht er offenbar nie –oder er hat mehrere davon. Er nähert sich dem Sportplatz hinter unserem Haus wie ein Versehrter aus dem Donbass: humpelnd, gebeugt, sein rechtes Bein zieht er hinterher, eine Schulter hängt stärker Richtung Boden als die andere. Jeden Morgen überquert den Platz einmal bis zu den Bänken, legt dort seine Sachen ab, hinkt zu einer Ecke. Dann rennt er, als gäbe es keinen Schmerz, kein Hinken und kein Morgen. Immer die Diagonale. Nie die Tartan-Runde, nie die Geraden. Als könne sich sein Körper nur auf dieser Strecke verwandeln – zurück oder in etwas Neues.
Das macht er etwa eine halbe Stunde, dann schlurft er zurück zur Bank, holt seine Sachen und geht. Wohin auch immer. 

IMG_9500

Sport in Russland, das ist wie so vieles hier: Alles, nur keine Mitte. Es gibt die Hinkenden, die Zentralasiaten, die in Jeans, Lederjacke und ausgetretenen Straßenschuhen noch ein paar Runden drehen, bevor sie sich auf den Baustellen dieser Stadt schinden. Es gibt die russische Njanja, die eine Stunde früher an ihrem Arbeitsort ankommt und „Gymnastik“ macht, bis sie die Kinder übernimmt.

IMG_9496

Es gibt hier Klappmesser, Windmühle, Kniebeugen – TrimmDich-Übungen, bevor sie Work-Out wurden. Trainingsklamotten, die teuer von adidas originals rebranded werden. Sportplätze, denen man die Verwendung für Wehrsportübungen noch ansieht.

IMG_9248IMG_9246

Es gibt alte Männer, die im Winter in Stiefeln und mit Skistöcken durch den Wald laufen, und im Sommer manchmal mit nacktem Oberkörper. Die an einem der vielen Freiluft-Fitness-Plätze, die es in jedem Park gibt, anhalten, zwei, drei Übungen machen und dann weiterschleichen.

IMG_9492IMG_2849

Es gibt aber auch Sporthallen, die extra für Radfahrer und Läufer gemacht sind, mit gelenkschonendem Bodenbelag und Personal Trainer. Es gibt Sportclubs mit ausgefeilter Corporate Identity und skurrilen Trainingskombinationen. Es gibt auf einmal unglaublich viele Kurz- und Mittelstreckenläufe in der ganzen Stadt; Marathons, Color- und Charity-Runs, Kiezläufe, Wettbewerbe mit eingebautem Team-Training.
Es gibt auf einmal viel für sehr viele Sportverrückte.

Bildschirmfoto 2016-05-31 um 12.32.10

(Zum Video hier entlang.)

Es scheint, als entdeckten die Russen die Leibesübungen wieder, jeder auf seine Art und soziale Zugehörigkeit.  Promis führen freiwillig die neue Ertüchtigungsbewegung an. Fernsehmoderatorin und Ksenia Sobchak zum Beispiel, zur Freude der Modeindustrie:

Bildschirmfoto 2016-05-31 um 12.39.24Bildschirmfoto 2016-05-31 um 12.40.32

Oder It-Girl Tina Kandelaki, die sogar mal als Erziehungsministerin unter Präsident Putin gehandelt wurde – sie deckt die zeitgenössische Quäl-Dich-Du-Sau-Variante ab.
(Und ist vermutlich Teil einer viralen Kampagne von GTO (готов к труду и обороне; zu deutsch: bereit zu Arbeit und Verteidigung), einem Drill-Programm, das die Regierung den Schulen des Landes im Oktober vergangenen Jahres vorgesetzt hat.

Bildschirmfoto 2016-05-31 um 12.41.43Bildschirmfoto 2016-05-31 um 12.49.08

Nach dem Training gibt es ganz gern das Aufzugs-Selfie.

Bildschirmfoto 2016-05-31 um 13.13.38.png

GTO stammt übrigens ursprünglich aus der Stalin-Ära. Von 1931 an mussten Schüler und Studenten Fitnesstests ablegen, die besten wurden mit Abzeichen geehrt. Heute ist natürlich alles freiwillig, aber man bekommt schon leichter einen Studienplatz, wenn man hin und wieder teilnimmt.

Ich trainiere jetzt auch. Ganz freiwillig.

 

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s